Ivan Rodionov
13.12.2019 veröffentlicht

Liebe Leser,

Stellen Sie sich einmal vor, Anis Amri würde nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz mit zwölf Toten und 55 Verletzten in Moskau auftauchen. Ein Verein für die russisch-tunesische Freundschaft lobbyiert für seine Anerkennung als politisch Verfolgter sowie als Opfer des islamfeindlichen EU-Regimes und fordert Asylschutz für den Attentäter.

Das ist eine absurde, völlig irre Vorstellung. Oder etwa nicht? Selimchan Changoschwili, der in Berlin-Moabit erschossene tschetschenische Warlord mit kriminellen und geheimdienstlichen Verwicklungen, macht dieses surreale Bild real. Das diplomatische Trauerspiel zwischen Deutschland und Russland nach dem Mord des von den Russen gesuchten Terroristenführers ging in dieser Woche in die nächste Runde. Nun waren zwei deutsche Vertreter an der Reihe, Landesverweise vom russischen Außenamt zu erhalten. Die beiden aus Berlin zuvor ausgewiesenen Russen seien GRU-Agenten gewesen, wusste der Spiegel. Die russische Presse hielt sich dagegen mit BND-Zuweisungen zurück.

Während die GRU diverse obskure Gestalten im Auftrag des Kremls weltweit im großen Stil ausschalten soll, spezialisiert sich der andere russische Geheimdienst FSB auf Staatsdoping. Beides ist zwar nur eine Vermutung, auf burlesken Stories basiert, aber „highly likely“ reicht aus. Die Welt-Anti-DopingAgentur WADA hat Russland für vier Jahre von allen sportlichen Großereignissen ausgeschlossen. Der Grund: Die Datenbank der russischen Agentur RUSADA sei manipuliert worden. Die Einwände der Russen, dass der flüchtige ehemalige RUSADA-Chef Rodtschenkow und seine Komplizen mit Adminrechten nachweislich mehrmals auf die Daten zugegriffen hatten, blieben ohne Wirkung.

„Schlampige Forschung und fragwürdige Qualitätskontrollen“ attestierte der WADA die amerikanische Sportjournalistin Sally Jenkins, die nicht im Verdacht steht, Russland-Sympathien zu hegen. Die Agentur betreibe „junk science“ und ringe nur um die eigene Macht und das eigene Budget. Sie sei kein glaubwürdiger Schiedsrichter, so das Urteil der vierfachen „Top Sports“-Kolumnistin.

„Ein in Deutschland geborener Mann mit mehreren südeuropäischen Staatsbürgerschaften“ – da muss man zweimal durchatmen – so oder ähnlich wurde der mutmaßliche Totschläger von Augsburg eingeordnet. Der euphemistische Sprech der Behörden, von der Presse übernommen, verrät einiges über den Zustand der öffentlichen Debatte. Das Migrationsproblem und der Spalt, den es in die Gesellschaft gerissen hat, ist der Elefant im Raum, den es tunlichst zu umschiffen gilt.

Das Thema ist toxisch. Und der Eiertanz drumherum macht ratlos. Der 17-jährige Haled S. mit türkischer und libanesischer Staatsbürgerschaft, der den 49-jährigen Feuerwehrmann totgeprügelt hat, ist nur ein Symptom der gesellschaftlichen Neurose, ein Ausdruck des Problems, nicht das Problem selbst. An die Wurzel versuchte sich unser Autor, in seinem Kommentar heranzuarbeiten, der in diesen Tagen auf unserer Webseite am meisten gelesen wurde.

Toxisch, diesmal im direkten Sinne, ist der Atommüll, den Kroatien demnächst in einer ehemaligen Kaserne der jugoslawischen Volksarmee deponieren will. Das Areal liegt im Grenzgebiet zu Bosnien und direkt am Fluss Una. Dazu ist es noch tektonisch instabil. Der Ort wird mehrheitlich von Serben bewohnt, was dem aufkochenden kroatisch-bosnischen Disput um das neue Endlager eine zusätzliche giftige Komponente zufügt. RT Deutsch war vor Ort und hat sich umgesehen. Entstanden ist eine Reportage, die ich Ihnen sehr empfehlen möchte.

Ihr RT Deutsch-Chefredakteur Ivan Rodiono