Vom Versagen der Menschheit und dem diesjährigen WEF-Risikobericht

“Out of Control” (Außer Kontrolle) und “Fight or Flight” (Kampf oder Flucht) lässt das Weltwirtschaftsforum (World Economy Forum, kurz WEF) in seinem Risikobericht zur Weltwirtschaftslage verlauten. So düster die Namen der Kapitel des Berichts lauten, so düster ist auch das Bild, welches sich in dem Bericht abzeichnet. „Globale Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab. Stattdessen nimmt die Spaltung zu“, heißt es dazu aus dem Bericht, der diese Woche in London vorgestellt wurde. Vielleicht gerade auch deshalb, weil London (oder Großbritannien als Ganzes) zur Zeit Schaupunkt von Spaltungen ist. Doch um Theresa May, den Brexit und Negativrekorde im britischen Unterhaus soll es an dieser Stelle nicht gehen. Es sei nur erwähnt, dass der WEF-Risikobericht den Brexit nirgends in den rund 114 Seiten erwähnt.

Klimawandel, Cyberattacken und Versagen der globalen Gemeinschaft

Nichtsdestotrotz haben Theresa May und andere wichtige Entscheidungsträger weltweit keinen Anlass zur Freude, angesichts dessen, was das WEF in seinem diesjährigen Bericht beschreibt. Das Jahrestreffen des WEF im Schweizerischen Davos hat noch nicht mal begonnen (findet statt vom 22. bis 25. Januar), da zeichnet der WEF-Risikobericht schon ein düsteres Bild der Welt von heute. In Zeiten von Handelskriegen und internationalen Spannungen, bis hin zu vorherrschaftssuchenden Stellvetreterkriegen im Nahen und Mittleren Osten, ruft der WEF-Präsident Børge Brende im diesjährigen WEF-Risikobericht zu mehr Zusammenarbeit auf: „Es gab nie einen dringenderen Bedarf für einen kollaborativen und gemeinsamen Ansatz für globale Probleme, die alle angehen“. Doch der Wille zur Kooperation nimmt global betrachtet ab. Das WEF zeigt sich zudem skeptisch, dass dieser Wille zur Kooperation verstanden und verinnerlicht werde, sprich, die Situation sich verändert. Vor allem auch vor dem Hintergrund der aktuellen und sich abzeichnenden, globalen Krisen, gibt das WEF zu verstehen: “Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich schwieriger, gemeinsame Fortschritte bei anderen globalen Herausforderungen zu erreichen.“ Ganz nebenbei erwähnt, erwarten 88 Prozent von 1.000 befragten Experten eine “weitere Aushöhlung von Handelsabkommen“.

Neben dem mangelnden Zusammenhalt globaler Natur, nennt der Bericht u.a. den Klimawandel, Datenbetrug, Datenraub und Cyberkriminalität als größte Herausforderungen unserer Zeit. Letzteres sind geplante und teils großangelegte Attacken auf Regierungs- und/oder Firmenstrukturen im Internet. Folgen können bspw. Ausfallzeiten von Webseiten sein, deren temporäre Unerreichbarkeit Schäden in Millionenhöhe verursachen kann. Aber auch der illegale Zugriff auf sensible Daten mitsamt deren Veröffentlichung können große Bedrohungen darstellen, ganz gleich ob politischer oder wirtschaftlicher Natur. Das größte Risiko allerdings sei eindeutig der Klimawandel. Umweltprobleme werden erstmals im diesjährigen Risikobericht unter den drei größten, globalen Herausforderungen genannt. „Von allen Risiken ist es bei der Umwelt am offensichtlichsten, dass die Welt in eine Katastrophe schlafwandelt“, heißt es hierzu im Bericht. Das WEF wirft der Welt “Versagen beim Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel sowie Naturkatastrophen” vor und – beschreibt wahrheitsgemäß – dass es weltweit zu immer mehr extremen Wetterlagen und/oder nachhaltigen Klimawandel kommt.

Die Menschheit verkommt

Neben politischen und wirtschaftlichen Konflikten, warnt das WEF aber auch vor Risiken auf der „menschlichen Seite“. So heißt es im diesjährigen Bericht zum Beispiel: „Für viele Menschen ist dies eine zunehmend ängstliche, unglückliche und einsame Welt“. Das Ganze wird dann mit der Schätzung unterstrichen, dass rund 700 Millionen Menschen weltweit an psychischen Krankheiten leiden. Wenn wir uns die veröffentlichten Daten der Kaufmännischen Krankenkasse in Hannover (KKH) zu ungesundem Leistungsdruck bei Deutschlands Nachwuchs ansehen und erkennen, dass es sich hier schon um rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche handelt, erscheint diese geschätzte Zahl fast schon zu klein. Wie auch immer die tatsächliche Zahl aussehen mag, „dies ist ein Zeitalter beispielloser Möglichkeiten und technologischen Fortschritts, aber für zu viele Menschen ist dies auch ein Zeitalter der Unsicherheit“, heißt es von WEF-Präsident Brende.

Das WEF stellt seinen Risikobericht grundsätzlich rund eine Woche vor Beginn des Jahrestreffens in der Schweiz vor. In den Augen der Politik, Wirtschafts-, Kultur- und Gesellschaftsexperten stellt der Bericht eine Art Leitfaden zu den zentralen Fragen des Jahres 2019 dar. Zudem dient der Bericht direkt auch als eine Art lose Agenda für das Treffen in Davos. Zehn „Zukunftsschocks“ beschreibt hierzu das WEF als theoretische Szenarien. Hierbei geht es unter anderem um sogenannte Wetterkriege. Ergo, die Möglichkeit der Klimamanipulationen zu militärischen Zwecken. Dies könnte womöglich zur massiven Schwächung von Gegnern dienen, weil – zum Beispiel – Nahrungsmittelproduktion direkt manipuliert, ja, sogar unterbrochen werden könne. Es geht aber auch um das womögliche Ende der Wasserersorgung von Großstädten, die Ausweitung geopolitischer Konflikte ins Weltall und weitere, theoretische  Horrorszenarien. All diese „Zukunftsschocks“ seien als Mahnung zu verstehen. Das WEF vertritt die Meinung, dass wir in heutigen Zeiten das Unerwartete erwarten müssen und deshalb zwangsläufig über kreative Lösungen nachdenken müssen.

Die USA und Frankreich bleiben dieses Jahr fern

Weniger düster klingt hier schon das Motto des diesjährigen Treffens: „Globalisierung 4.0: Auf der Suche nach einer globalen Architektur im Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution“. Es braucht starke Führungsrollen in Krisenzeiten. Wir wir bereits berichteten, fordert die Welt unter anderem von Deutschland mehr Initiative, ja, mehr Einmischung ins globale Geschehen. Kein Wunder also, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Treffen in Davos erwartet wird. Zudem werden der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, als auch der chinesische Vizepräsident Wang Qishan erwartet. Donald Trump hat mehr zu tun mit dem Haushaltsstreit und den Demokraten zu Hause, Emmanuel Macron möchte lieber nicht in die Schweiz reisen, wegen der Proteste der „Gelbwesten“ in Frankreich. Das hatte sich das WEF wahrscheinlich anders vorgestellt, als es zu mehr Zusammenarbeit aufrief. Es bleibt abzuwarten, was das Jahrestreffen in Davos angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen der heutigen Welt hervorbringen kann. Wie auch immer die Ergebnisse des Treffens aussehen mögen, die Welt muss zwangsläufig mehr zusammenwachsen.

Autor: Thomas Schmied